Tags: Erziehung

Gewaltverbot in Österreich

Österreich war das vierte Land der Welt, das ein Gewaltverbot gegen Kinder eingeführt hat – das war im Jahr 1989. Im Jahr 2011 wurde das Verbot als Recht auf gewaltfreie Erziehung in den Verfassungsrang gehoben. Im Bundesverfassungsgesetz über die Rechte von Kindern heißt es seither: "Körperliche Bestrafungen, die Zufügung seelischen Leides, sexueller Missbrauch und andere Misshandlungen sind verboten." Das österreichische Gesetz schließt seelisches Leid also explizit ins Gewaltverbot mit ein.

Es hat sich das gesellschaftliche Klima in Bezug auf Erziehung hier zum Positiven verändert. Bestrafung und Demütigung sind für die meisten Menschen eben keine Optionen mehr im Umgang mit ihren Kindern.

 

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Schweigen kann Gewalt sein

Tatsächlich sei auch in Österreich das Bewusstsein dafür, dass Gewalt Kindern nachhaltig Leid zufüge, in den letzten Jahrzehnten gewachsen. Das zeigt auch eine Umfrage, die das Gallup-Institut jüngst für Österreich durchgeführt hat. Darin geben 95 Prozent der Befragten an, dass "eine Tracht Prügel" (so die Formulierung in der Umfrage) für sie eindeutig unter Gewalt falle.

Noch vor wenigen Jahrzehnten waren Prügel in vielen Familien an der Tagesordnung. Das übers Knie gelegte Kind, das vom strafenden Vater mit Schlägen gezüchtigt wird: Das ist zweifellos ein Bild vergangener Tage. Anders sieht es mit Ohrfeigen aus, vor allem in ihrer "leichten" Variante, gerne als "g'sunde Watschn" bagatellisiert.

Darin erkennen auch heute nur 34 Prozent der Befragten Gewalt. Interessantes Detail: Werden Kinder von den eigenen Eltern geohrfeigt, wird dies eher als legitimer "Beitrag zur Erziehung" gesehen. Bekommt das Kind aber von einem Lehrer oder Nachbarn eine Ohrfeige, erkennen fast alle Befragten darin Gewalt.

 

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Blaue Flecken auf der Seele

Generell sehen die Österreicherinnen und Österreicher in erster Linie körperliche Übergriffe als Gewalt gegen Kinder, das zeigt die Gallup-Umfrage. Dass es Kinder auch als gewaltsam erleben können, wenn Eltern sie anschweigen, anbrüllen, vor anderen bloßstellen oder mit temporärem Liebesentzug strafen, ist offenbar weniger Menschen bewusst. Das bestätigt Möwe-Chefin Wölfl: "Nur 26 Prozent beurteilen das Szenario, dass Eltern zur Strafe länger nicht mit ihrem achtjährigen Kind sprechen, eindeutig als Gewalt." Die negativen Auswirkungen von Kommunikationsverweigerung auf das Kind würden massiv unterschätzt.

Mit drastischen Folgen, wie die Wiener Psychologin, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Astrid Görtz erklärt: "Emotionale oder psychische Gewalt kann für Kinder sogar schlimmer sein als körperliche." Görtz lehrt und forscht an der Universität Wien und an der Sigmund-Freud-Privatuniversität und kennt unzählige Fälle aus ihrer therapeutischen Praxis. "Psychische Gewalt ist dann schlimmer, wenn Eltern ihr Kind bewusst und mit Intention seelisch verletzen oder einschüchtern – um es zu bestrafen, zu demütigen oder einfach, um ihre elterliche Macht zu demonstrieren."

Welche Rolle der Kontext bei der Wahrnehmung von körperlichen Zugriffen spielt, lässt sich am plakativsten an jenem Beispiel illustrieren, in dem ein Vater sein auf die verkehrsreiche Straße laufendes Kind gewaltsam am Arm zurückreißt. Kaum jemand würde das väterliche Handeln als Gewalt bewerten; selbst dann nicht, wenn es blaue Flecken am Kinderarm hinterlässt. Denn der Vater agiert im spontanen Wunsch, das Wohl des Kindes sicherzustellen und nicht, um es zu erniedrigen oder zu bestrafen.

"Schon kleine Kinder erkennen den Kontext", erklärt Astrid Görtz. "Sie können die Gefühle der Eltern lesen – und sie merken, wenn der Vater oder die Mutter angespannt oder gestresst ist und aus diesem Gefühl heraus agiert." Es mache daher einen gewaltigen Unterschied, ob den Eltern eine Ohrfeige aus Überforderung "passiert" oder ob sie aus Überzeugung zuschlagen, das Kind anbrüllen oder anschweigen und ignoriert.

 

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Nachhaltig negatives Selbstbild

Das ist auch der entscheidende Punkt an der "Auszeit"-Methode: Kinder in den Winkel zu stellen oder sie einzusperren – das macht dasselbe mit ihnen wie Schläge. Kinder wissen sehr genau, dass Eltern Menschen mit Fehlern sind. Und sie erkennen den Unterschied, ob Eltern strafende Worte im Affekt sagen oder ob es sich um bewusst gesetzte Äußerungen mit autoritär-erzieherischer Absicht handelt. "Drohungen wie 'Wenn du das tust, hab ich dich nicht mehr lieb' sollte man einem Kind jedoch niemals sagen", rät Görtz. "Das wiegt bei einem kleinen Kind schon schwer."

Handausrutschen aus Überforderung: Die Formulierung klingt immer ein wenig nach Selbstentlastung der Täterinnen und Täter. Kinder zu schlagen ist immer problematisch. Denn auf der Beziehungsebene erleben Kinder Schläge immer als Demütigung, mit der der Erwachsene seine Überlegenheit und Autorität demonstriert.

Was dieses Gefühl, wenn es wiederholt auftritt, bei Kindern bewirkt? Sie bekommen von der Person, die sie bedingungslos lieben, die Botschaft: 'Du bist nicht wertvoll und nicht okay, so wie du bist.' Das kann ein nachhaltig negatives Selbstbild bei Kindern erzeugen. Sie fühlen sich nicht gemocht und als Person nicht in Ordnung. Deswegen gehen Schläge immer tief hinein ins kindliche Selbstbewusstsein, auch wenn sie noch so "leicht" sein mögen.

 

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Vorbilder für Konfliktlösung

Und was bewirkt emotionale Vernachlässigung oder strafendes Anschweigen bei Kindern? Wenn Kinder nicht lernen, wie Konflikte konstruktiv und gewaltfrei gelöst werden können, wenn sie nicht im Alltag erfahren, dass das gegenseitige Zuhören und Erklären hilft, wird es für sie später immer schwieriger, mit zwischenmenschlichen Konflikten respektvoll umzugehen.

Es fehlt diesen Kindern an Vorbildern für gewaltfreie Konfliktbewältigung und Kommunikation. Erleben sie dazu regelmäßig das Gefühl der Isolierung, so signalisiert ihnen das: Du darfst deine Gefühle nicht ausdrücken, wenn du geliebt werden möchtest.

 

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Die Ohnmacht der Opfer

Dieser Zusammenhang könnte auch erklären, warum Erwachsene, die selbst Opfer von körperlicher oder psychischer Gewalt wurden (in Österreich immerhin 26 beziehungsweise 14 Prozent), diese häufig an ihre eigenen Kinder weitergeben. Wenn ich Opfer wurde, empfinde ich Ohnmacht. Dann laufe ich Gefahr, mich dem Schwächeren, also dem Kind, gegenüber zum Täter zu machen, um keine Ohnmachtsgefühle mehr erleiden zu müssen.

Nicht nur, dass Menschen mit stabilem Selbstwert seltener ihren Kindern gegenüber gewalttätig werden; es falle ihnen auch leichter, sich beim Kind zu entschuldigen, wenn es einmal passiert. "Wenn es dem Erwachsenen gelingt sich zu entschuldigen, stellt er eine wichtige Ebene der Gemeinsamkeit mit dem Kind her", sagt Görtz. Das Kind erkennt auf diese Weise: Meine Eltern sind nicht perfekt, sondern Menschen mit Fehlern, zu denen sie stehen. Bessere Vorbilder für die Akzeptanz der eigenen Fehlerhaftigkeit gibt es nicht.

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